Wie man einen Brief an einen Botschafter (nicht) schreibt

Ab heute gibt’s auf diesem Kanal einen Online-Textkurs – zumindest vorübergehend. Anlass dafür ist ein Brief von Greenpeace an die russische Regierung, welcher derzeit in den Sozialen Medien kursiert. Es geht dabei um die absolut untragbare Aktion der russischen Küstenwache gegen Aktivisten der Umweltschschutz-Organisation. Aber das soll hier nicht Thema sein. Vielmehr werde ich den furchtbar schlecht geschriebenen Brief in mehreren Folgen dieses Blogs kommentieren und Verbesserungsvorschläge bringen. Es geht los. Folge 1:

„Sehr geehrter Botschafter Sergej Netschajew!

Am Morgen des 18. Septembers wurden zwei Greenpeace International-Aktivisten festgenommen, während sie friedvolle Proteste gegen die Ölbohrplattform Prirazlomnaya von Gazprom tätigten, um den Konzern dazu aufzufordern, keine weiteren Ölbohrungen in arktischen Gewässer vorzunehmen, wie in diesem Fall in der Petschorasee.“

Der Satz beginnt schon mit einem Stilfehler: „des 18. Septembers“. Das Genitiv-s hat bei Eigennamen nichts verloren; das klingt einfach schlecht. Man sagt ja auch nicht: „Das Fahrrad des Tonis.“ Es geht gleich hurtig weiter mit falsch gesetzten Bindestrichen bei der Bezeichnung der betroffenen Personen. Richtig wäre „Greenpeace-International-Aktivisten“. Will man so einen Wortwurm nicht erzeugen – kein Problem. Dann schreibt man halt einfach „Aktivisten von Greenpeace International“. In der letzten Zeile dann folgt ein schwerer Grammatikfehler. Mit Fällen sollte man sich auskennen, wenn man einen Brief an einen hohen Amtsträger schreibt; „in arktischen Gewässer“ klingt wie aus einem schlechten Volksschul-Aufsatz und steigert wahrscheinlich nicht die positive Wirkung des Schreibens beim betreffenden Empfänger. Insgesamt ist der Satz viel zu lang und verschachtelt. Mit 40 Wörtern übersteigt er die Grenze der Verständlichkeit von 25 Wörtern massiv, klingt hölzern und unbeholfen – wie der ganze Rest des Schreibens. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens – mehrere Botschaften werden in einen Satz gequetscht, anstatt ganz entspannt einen schlanken Hauptsatz dem nächsten folgen zu lassen; zweitens – eine unnötig komplizierte und nach Amtsdeutsch klingende Hauptwort-Formulierung: „friedvolle Proteste tätigen“ statt einfach „friedvoll protestieren“. Zum Schluss: Das Weglassen der Anführungszeichen beim Eigennamen „Prirazlomnaya“ ist nicht schlimm, aber auch ein kleiner Fehler.

Hier mein Verbesserungsvorschlag:

„Sehr geehrter Botschafter Sergej Netschajew!

Am Morgen des 18. September wurden zwei Aktivisten von Greenpeace International festgenommen, als sie friedvoll gegen die Ölbohrplattform ‚Prirazlomnaya‘ von Gazprom protestierten. Sie wollten den Konzern dazu auffordern, keine weiteren Ölbohrungen in arktischen Gewässern vorzunehmen, wie in diesem Fall in der Petschorasee.“

Nächstes Mal geht’s weiter – bis dann!

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