Brief an den Botschafter, Teil 2

Schönen Freitag Nachmittag,

hier ist der zweite Teil des Botschafter-Briefes von Greenpeace:

„Am Folgetag hat die bewaffnete russische Küstenwache illegaler Weise das Greenpeace International Schiff Arctic Sunrise geentert, während dieses in internationalen Gewässern unterwegs war. 25 Aktivisten wurden an Board verhaftet. Wir fordern die unverzügliche Freilassung von allen festgehaltenen Aktivisten sowie ein Ende der ungerechtfertigten Aggression der Küstenwache gegen unser Schiff und den friedvollen Protest.

Greenpeace International ist in der Russischen Arktis, um Zeugnis abzulegen und eine friedvolle Opposition gegen die zerstörerischen und unverantwortungsvollen Ölbohrpläne der Ölkonzerne zu bilden. Unser friedlicher Protest wurde mit extremer und unverhältnismäßiger Gewalt seitens der russischen Küstenwache erwidert, die 11 Warnschüsse auf unser Schiff – die MY Arctic Sunrise – abgefeuert hat und unsere Aktivisten mit Messern und Pistolen bedrohte. Nun werden 30 unserer Aktivisten durch die russische Küstenwache gegen ihren Willen und ohne Rechtsvertretung festgehalten.“

Der erste Satz ist im Grunde ganz in Ordnung, weist aber ein paar stilistische Schwachstellen auf: 1.) „illegaler Weise“ klingt etwas hölzern; so etwas schreibt man besser zusammen, also „illegalerweise“. 2.) Noch besser ist es aber, den Hinweis auf die Illegalität in einen eigenen Satz zu packen, das macht die Aussage stärker. 3.) Wenn man Markennamen und Hauptwörter zusammenfügt, so gehören sie mit Bindestrich verbunden. Wenn der Markenname aus zwei Begriffen besteht, muss man zwischen diesen beiden auch einen Bindestrich setzen, also z.B.: die Red-Bull-Dose, oder, wie in diesem Fall, das Greenpeace-International-Schiff. Wenn dann noch ein Eigenname dazu kommt, würde ich ihn zwecks besserer Unterscheidbarkeit unter Anführungszeichen setzen, also „Arctic Sunrise“.

Hier mein Vorschlag für die ersten beiden Sätze: „Am Folgetag hat die bewaffnete russische Küstenwache das Greenpeace-International-Schiff „Arctic Sunrise“ geentert. Diese Aktion war illegal, da das Schiff in internationalen Gewässern unterwegs war.“

So geht es im Original weiter:

„25 Aktivisten wurden an Board verhaftet. Wir fordern die unverzügliche Freilassung von allen festgehaltenen Aktivisten sowie ein Ende der ungerechtfertigten Aggression der Küstenwache gegen unser Schiff und den friedvollen Protest.“

Zum ersten Satz: Wenn von einem Flugzeug oder einem Schiff die Rede ist, schreibt man nicht „an Board“, sondern „an Bord“. Das „Board“ ist ein Brett, z.B. ein Surfboard oder ein Snowboard. Der zweite Satz weist eine vermeidbare Wiederholung des Begriffes „Aktivisten“ auf; es empfiehlt sich, statt dessen z.B. „Personen“ zu schreiben. Außerdem würde ich statt der Formulierung im 3. Fall „von allen festgehaltenen Personen“ jene im Genitiv „aller festgehaltenen Personen“ empfehlen – spart ein Wort und klingt eleganter. Generell kristalliert sich im Laufe meiner Arbeit folgende Regel heraus: Falls beides möglich ist, eher Nominativ als Genitiv und eher Genitiv als Dativ verwenden; also: 1. Fall vor 2. Fall vor 3. Fall.

Die beiden Sätze neu: „25 Aktivisten wurden an Bord verhaftet. Wir fordern die unverzügliche Freilassung aller festgehaltenen Personen sowie ein Ende der ungerechtfertigten Aggression der Küstenwache gegen unser Schiff und unseren friedvollen Protest.“

Nächster Satz: „Greenpeace International ist in der Russischen Arktis, um Zeugnis abzulegen und eine friedvolle Opposition gegen die zerstörerischen und unverantwortungsvollen Ölbohrpläne der Ölkonzerne zu bilden.“

Hier gibt es zwei Fehler: 1.) Zwei Mal „und“ innerhalb eines Satzes klingt nicht sehr souverän; ein „und“ würde ich daher durch „sowie“ ersetzen. 2.) Das Wort „unverantwortungsvoll“ ist Unsinn. Da kratzt sich wohl jemand gern mit dem rechten Zeh am linken Ohr. 3.) „eine friedvolle Opposition bilden“ ist eine recht geschwollene Formulierung; einfacher ist prägnanter; Zeitwörter sind besser als Hauptwörter.

Besser klingt der Satz daher so: „Greenpeace International ist in der Russischen Arktis, um Zeugnis abzulegen und friedvoll gegen die zerstörerischen sowie verantwortungslosen Bohrpläne der Ölkonzerne vorzugehen.“

Der nächste Satz im Brief lautet: „Unser friedlicher Protest wurde mit extremer und unverhältnismäßiger Gewalt seitens der russischen Küstenwache erwidert, die 11 Warnschüsse auf unser Schiff – die MY Arctic Sunrise – abgefeuert hat und unsere Aktivisten mit Messern und Pistolen bedrohte.“

Hauptprobleme hier sind die Länge und der unnötige Einschub, der den Lesefluss stört. Der Satz klingt in dieser Form nicht professionell. Am besten, man teilt ihn in zwei getrennte Aussagen. Außerdem ist es für das Verständnis nicht hilfreich, plötzlich mit der Abkürzung „MY“ hier aufzutauchen. Dann würde ich auch noch empfehlen, die drei „und“ im gleichen Satz zu vermeiden.

Mein Vorschlag: „Unser friedlicher Protest wurde mit extremer und unverhältnismäßiger Gewalt seitens der russischen Küstenwache erwidert. Diese feuerte 11 Warnschüsse auf unser Schiff ab und bedrohte unsere Aktivisten mit Messern sowie Pistolen.“

Wir kommen  zum letzten Satz für heute:
„Nun werden 30 unserer Aktivisten durch die russische Küstenwache gegen ihren Willen und ohne Rechtsvertretung festgehalten.“

Na bitte, geht doch. An diesem Satz habe nicht einmal ich etwas auszusetzen ;-).

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