Warum ist „oder“ das neue „und“?

Ich habe das Thema zwar schon einmal behandelt. Aber die „Oderitis“ greift in Texten leider so krass um sich, dass mir keine andere Wahl bleibt: Ich muss noch einmal auf den Unterschied zwischen „und“ sowie „oder“ eingehen.

Nehmen wir einmal an, Sie fragen jemanden, an welchen Tagen der Woche er oder sie einer beruflichen Arbeit nachgeht und erhalten die Antwort: „Ich arbeite an Werktagen wie Montag, Dienstag oder Freitag.“ Sie könnten meinen: Die glückliche Person muss nur an einem Tag der Woche arbeiten. Damit ist soweit klar: „Oder“ schließt aus, „und“ verbindet.

Das hat sich aber scheinbar noch nicht so richtig weit herumgesprochen. Wie kommt es sonst zu diesem Satz in einem Artikel einer bekannten Wirtschaftstageszeitung über die neuen EU-Finanzmarktregeln: „(…) meldepflichtig sind (…) Derivatgeschäfte wie Wertpapiere, Währungen oder Zinssätze sowie Indizes, Waren, Klimavariablen, Frachtsätze, Emissionsberechtigungen oder Inflationsraten.“ Also was jetzt – nur eines davon oder alle sind meldepflichtig? Wenn alle gemeint sind, was wir getrost annehmen dürfen, warum steht es dann nicht da?

Meine Vermutung ist, dass manche Menschen glauben, „oder“ sei in unvollständigen Aufzählungen angebracht – um klar zu machen, dass es noch andere Elemente der Aufzählung gibt, die nicht genannt werden. Der Grund dafür ist mir aber schleierhaft. Wenn  jemand beispielsweise sagt: „Ich beherrsche viele Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Italienisch“, dann wird damit nicht klar, dass er oder sie auch noch andere Sprachen spricht. Das wird nur deutlich, wenn es heißt: „Ich beherrsche viele Fremdsprachen wie Englisch, Französisch, Italienisch und andere.“ Die Moral von der Geschicht‘: „Oder“ ist nicht „und“, und „und“ ist nicht „oder“. Klar, oder?

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